von Bernhard Hack
Sind eigentlich Brauchtum und Traditionen
in unserer High-Tech-Gesellschaft noch in? Haben uns der Massenkonsum und das
Technikzeitalter nicht schon längst überrollt?
Sind Menschen, die Überlieferungen pflegen nicht total out?
Solche oder ähnliche Fragen werden vielen, die Brauchtum noch leben, gestellt.
Besinnen wir uns:
Offensichtlich gehören zu den Publikumsmagneten eines jeden größeren
Volksfestes die Trachten- oder Tanzgruppen mit ihren überlieferten Bräuchen
und Tänzen. Zu Ostern sind die vielen geschmückten Brunnen in der
Fränkischen Schweiz Pilgerstätten, die jeden Städter oftmals
noch zum Staunen einladen. Brauchen wir das nicht doch, um für den Alltag
neue Kraft zu schöpfen? Aber man muss sich bewusst sein, dass schon viel
Brauchtum nur noch als Touristenattraktionen erhalten wird.
Versetzen wir uns in die Zeit, als
diese Bräuche entstanden sind! Was waren die Ursachen dafür?
Hat manches Brauchtum wirklich nur mit Aberglauben zu tun oder steckt ein tieferer
Sinn dahinter?
Man kann feststellen, dass das Verschwinden von Brauchtum und Traditionen zu einer Art Vereinsamung und Verarmung des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens führt. Im folgenden soll ein bisschen Licht in manches Unbekannte gebracht werden.
Um den Jahreskreislauf des Brauchtums zu beschreiben, stellen wir das Bauernjahr in den Mittelpunkt.
Der Lichtmesstag am 2. Februar ist der Auftakt des neuen Arbeitsjahres. Er ist der Stichtag für die Dienstboten. An diesem Tag musste, wer seinen Herrn wechseln wollte, eine neue Stellung haben oder er musste sich wieder für das kommende Jahr verdingen.
Auch die Kerzenweihe sowie der Wachsstock für seine Liebste haben an diesem Tag ihren festen Platz gehabt. Man musste seiner Braut einen Wachsstock schenken, der dann das Jahr über während der Messe angezündet wurde.
Brauchtum kann nur überleben, wenn es Platz im Jahreskreislauf der Menschen hat.
Zu den wenigen Dingen, die noch
alleine und ohne große Organisation weiterleben, gehört das Raspeln
oder Ratschen in der Karwoche. Bis heute ist es bei uns immer noch eine reine
Bubensache. Vom Gründonnerstag bis in die Osternacht übernehmen die
Kinder mit ihren Raspeln die Aufgabe der Kirchenglocken und rufen deshalb zu
jedem Gottesdienst sowie zum Gebet einen eigenen Spruch.
"Meine Herrn lasst euch song, das Gebet des Herrn hot gschlong."
Und mittags um 12 Uhr lautet er:
"Dies ist der Englische Gruß, den jeder katholische Christ beten
muss."
Ist die Dorfrunde beendet, wird auf dem Rückweg der "Engel des Herrn" gebetet.
Der Höhepunkt für jeden Raspler ist am Karsamstag das "Eier zam raspeln" mit dem Spruch:
"Eier wölln ma zama trong, zerna sen uns net za vill, zwanga is as rechte Ziel, und wenn ma rech schö bittn......"
In der heutigen Zeit haben die Eier fast ausgedient. Sie sind durch Geld und Süßigkeiten ersetzt worden. Der erhaltene Lohn wird vom Obermeister an einem geheimen Ort mit all seinen Untertanen geteilt. Hier gibt es natürlich eine feste Rangfolge, je nachdem wie viele Jahre man bereits dabei ist.
In der Osternacht wird das Wasser geweiht, das für vieles Verwendung findet. Mit diesem Osterwasser hat jeder Bauer die Taufe auf seine Fluren ausgetragen und an allen vier Ecken seiner Felder und Wiesen ein Segensgebet gesprochen.
Dazu eine schöne Anekdote:
Stellt einer die Frage: "Was er denn da für Gebete spricht bei Tauf
austragen?"
Antwortet dieser: "Die gleichen wie letztas Joa".
Ein vergessener Brauch ist das Osterwasser schöpfen. Früh am Morgen wurde das Wasser mit dem Lauf der Strömung aus dem Bach geschöpft und jeder im Haus hat sich dann damit gewaschen.
Als der kirchliche Festtag wurde
früher, mehr als heute, der Fronleichnamstag gefeiert.
In prachtvollster Art und Weise wurden die Straßen mit "Maia"
(Birken oder Linden) geschmückt und sogar Blumensträuße an die
Bäume gebunden. Häuserschmuck mit Bildern und Fenstertücher sowie
Girlanden sind heute auch noch Brauch. Die Straße wurde am Fronleichnamsmorgen
mit Gras bestreut, das dann, wenn es am gleichen Tag schön trocken wurde,
eine gute Heuernte voraussagte. Man nannte dies die Kränzelstreu, wie manche
auch heute noch den Fronleichnamstag als Kränzeltag bezeichnen.
Die bäuerliche Tracht tragende Bevölkerung legte an diesem Tag ihre beste Montur an.
Eine Woche nach Fronleichnam feierte
man die Hagelfeier.
Dieser Tag wird in der selben Form wie der Kränzeltag gehalten, ist aber
ein nicht ganz so hoher Festtag. Sein Ursprung ist ein Gelübde aus dem
18. Jahrhundert, wo es im Juni die gesamte Ernte verhagelte. Heute feiern wir
diesen Tag am Sonntag nach Fronleichnam.
Das Fest der Feste bildet bei uns in Franken die Kerwa (Kirchweih) Nach dem Motto: "Auf da Kerwa muss ma geh, kriegt ma nex noch schmeckts recht schö" begeht man die Kerwa mit Essen, Trinken und Tanz in ausgiebigster Form. Das Brauchtum ist hier weit gefächert. Von eigenen Kerwasliedern mit unsagbar vielen Strophen bis hin zum Tanzvergnügen ist alles drin. Am Kerwassamstag wird der Maia (Kirchweihbaum) mit Musik ins Dorf gespielt und dann von den Kerwasburschen aufgestellt.
Am Sonntagnachmittag wird die Kerwa ausgegraben, die erst am Donnerstag nach der Kirchweih wieder eingegraben wird. "Denn a richtige Kerwa dauert acht Toch." Abgekommen ist der Brauch des Kügla zam spieln am Kerwasmontag, als von Haus zu Haus Musik gespielt wurde. Als Besonderheit war zu beachten: War in einem Haus in diesem Jahr ein Trauerfall spielte die Musik einen Trauermarsch.
Aber nicht zu vergessen ist das Betzen austanzen, das sich heute noch großer Beliebtheit erfreut. Hier tanzen die Paare solange im Kreis mit einem Strauß, bis ein Wecker klingelt. Der "Betz" (Schafbock) gehört dann dem Paar, das gerade den Blumenstrauß in Händen hält.
Der Hanstag (24.06.) ist nach altem heidnischen Brauch die Sommersonnwende. Mit einem Sonnwendfeuer begeht man das Fest des Hl. Johannes des Täufers. Ein Feuer war auch zu Peter und Paul (29.06.) üblich.
Als Wurzweih bezeichnet man das Fest Mariä Himmelfahrt (15.08.). Heilkräuter und Blumen in Buschen gebunden werden zur Segnung in die Kirche gebracht. Nicht nur für das Vieh, sondern vor allem für die Menschen sollen hier heilende Kräfte wirken. Diese Worzbüschl bestehen aus bis zu 77 Heilkräutern und Blumen.
Stationen des Jahresablaufes sind auch Geburt, Hochzeit und Tod. Auch diese sind in das Brauchtum eingebunden.
Die Geburt:
Wenn ein Kleinkind zum ersten mal in ein Haus gebracht wurde, beschenkte man
es mit Eiern, dem Zeichen der Fruchtbarkeit. Ebenso durfte Eine Wöchnerin
nicht an den Brunnen zum Wasser holen gehen, denn sie galt noch als unrein.
Eine Mutter durfte nach einer Geburt erst wieder am öffentlichen Leben
teilnehmen, wenn sie ausgesegnet war. Diese und noch viele solcher Gepflogenheiten
hatten ihren guten Grund: Das Wasserholen mit schweren Eimern hätte einer
Wöchnerin sicher sehr geschadet und die Sterblichkeitsrate noch höher
getrieben.
Heute wird nach der Taufe vom Paten Geld für die anwesenden Kinder ausgeteilt oder "aufgeschmissen".
Der Beginn einer Hochzeit war bis in die 60er Jahre der Kammerwagen. Das gesamte Hab und Gut des Einheiratenden wurde auf einen großen Wagen aufgeladen und dort aufgestellt.
Vor der Trauung wurde der Kammerwagen mit viel Drumherum ins neue Heim des jungen Paares gefahren. Heute wird das Ende der "Jugendzeit" mit Polterabend und Junggesellen/innen-Abschied gefeiert.
Fest in Traditionen eingebunden
war auch der Tod.
Bei einem Trauerfall war es Sitte, sich im Haus des Verstorbenen täglich
bis zur Beerdigung mittags und abends zum Gebet zu versammeln. Heute betet man
das Totengebet in der Kirche, abends zum Angelusläuten.
Bei der Beerdigung versammelte sich die ganze Trauergesellschaft auf dem Anwesen
des Verstorbenen. Hier gab es dann einen Schnaps, ehe der Leichenzug zur Kirche
ging. Genau wie früher hält man danach auch heute einen Leichenschmaus.
Auch die Trauerzeiten waren/sind
genau festgelegt. Man trauerte für den Ehegatten, die Eltern und Kinder
ein Jahr, sowie für Schwiegereltern und Geschwister ein halbes Jahr. Für
Onkel, Tanten, Kusinen und Paten sechs Wochen.
Dies sind ungeschriebene Gesetze.
Beendet wird der Jahreslauf mit
den Weihnachtsfestkreis, der auch eine Fülle von Bräuchen und Traditionen
beinhaltet.
Ein längst vergessener bäuerlicher Brauch war es, die Kühe an
den Vorabenden von Weihnachten, Neujahr und Hl. 3 Könige im Stall ohne
Licht mit langem Heu zu füttern. Genauso ist es üblich, an diesen
Vorabenden zu Räuchern und das Anwesen mit Weihwasser, aber vor allem am
Dreikönigstag mit dem neu geweihten Wasser, dem man eine höhere Weihekraft
nachsagt, zu besprengen und zu segnen.
Nicht vergessen sollen die Sternsinger werden, die ihre Segenswünsche an
die Haustüren schreiben.
Das Fest der unschuldigen Kinder (28.12.) wird auch Pfeffertag genannt. Mit dem Spruch: "Ist der Pfeffer gut, is a gsalzn oder gschmalzn" gehen die Kinder mit einer Rute von Haus zu Haus und hauen den Leuten auf die Füße, damit sie im ganzen Jahr gut laufen können. Dafür bekommen sie eine Belohnung.
Mit großen Feiern und mit
guten Wünschen wird das Neue Jahr begonnen.
Hier lautet einer unserer alten Wünsche:
"A glückseligs neus Joa, gebt ma ner gleich mei Woa, ko net lang steh,
muss glei wider weiter geh."
oder
"A glückseligs neus Joa, gebt ma gleich mei Woa, ich wünsch euch
an Bodn vull Körner, an Stall vulla Hörna, an Beutl vull Geld und
dass uns as ganz Joa nix fehlt."
Am Ende dieses Jahreslaufes von Brauch und Traditionen wollen wir die Fragen, die eingangs gestellt wurden, noch einmal neu überdenken.
Es gibt sicher Bräuche, die nicht mehr gelebt werden können aber man kann feststellen, dass trotz vieler negativer Bestrebungen, wieder ein Aufwärtstrend sichtbar wird, Überliefertes zu erhalten und zu pflegen. Das Wort Brauchtum kann auch so verstanden werden, "weil wir es brauchen tun". Achten wir also darauf, dass dieser Teil unseres Lebens nicht zur Touristenattraktion verkommt oder als Schauspiel dargestellt wird.
Weilersbach, April 2000
Bernhard Hack
Erstellt für die Jubiläumsfeier der Gemeinde Weilersbach 20./21.05.2000